Verschwimmende Sprachen

Bitte ich in einem deutschen Provinzgymnasium zwölfjährige, ein kurze Theaterszenen so zu schreiben, wie sie selbst sprechen würden, fange ich mir Wörter ein wie Blin und Mudak, Tamam oder Digga und Äußerungen wie Eric lefted the call, Maddox is on oder Ey lass Fussball. 

Sollen die Kinder ein kurzes Aufsätzchen in Deutsch schreiben, kritzeln die meisten zwei oder drei unzusammenhängende Sätze unleserlich hin. Wir hätten, fällt mir dann ein, vorher noch einmal Schreiben üben und die vier Fälle wiederholen sollen oder die Präteritumformen, denn das, was ich in so einer sechsten deutschen Deutschklasse am Gymnasium machen lasse, unterscheidet sich kaum von dem, was ich dreißig Jahre lang als Deutschlehrer im Ausland gemacht habe, mit dem Unterschied vielleicht, dass die meisten italienischen Gymnasiasten mit zwölf schreiben können, Complemento oggetto und Complemento di termine identifizieren und junge Polen sich von einem Genitiv nicht erschrecken lassen.  Für unsere kleinen Deutschen ist die deutsche Schrift- eine Fremdsprache,  denn was sie normalerweise reden, ist die eine oder die andere Variante eines Mischidioms, in dem, je nachdem, russische, türkische, kurdische und/oder arabische Worte vorkommen und englische in deutscher Konjugation erscheinen. 

Zwei Didaktiken oder, wo "Deutsch als Zweitsprache" betrachtet wird, auch drei davon, mit vielen Instituten und Planstellen, wird es weiterhin geben, weil es die Wissenschaften dazu gibt, welche weiterhin Neues für separate Felder erzeugen werden, welche es gar nicht gibt. 

Im Grunde war uns immer schon klar, dass die Muttersprache nicht das Vertraute im Unterschied zum Fremden ist. 

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