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Sitzenbleiben wegen 12,5 Prozent Sport

In der elften Klasse hatte ich schon durch häufige Abwesenheiten Lehrer- und Mitschülerschaft gegen mich aufgebracht, die mir jedoch immer wieder auszugleichen gelungen war. Am Ende der Jahrgangsstufe 12, wie das ja hieß, haben sie mich aber drangekriegt. Ich hatte mich verrechnet. Der Sportunterricht, den ich ja immer schon gehasst hatte, war nämlich von irgendeinem sehr wichtigen Beamten im überaus wichtigen Ministerium in Einzel- und Mannschaftssport aufgeteilt worden. Wir sollten beides machen, weil es ja nicht geht, dass einer nur läuft oder schwimmt, aber keinen rechten Teamgeist entwickelt. In der Folge waren nun nicht mehr 25% Abwesenheiten aufs Ganze erlaubt, sondern nur noch je 12,5%. Was bei insgesamt 18 Wochen auf neun Doppelstunden berechnet wurde, von denen auch noch wegen irgendwelcher Himmelfahrten ein oder zwei ausgefallen waren. Bei acht blieb genau eine erlaubte Abwesenheit übrig, bei sieben gar keine, jedenfalls nicht die beiden, welche ich mir im Volleyball erlaubt...

Ausgewählte Auswahlverfahren

Selektionsverfahren wählen unter Kandidaten die gewünschten aus, denken wir uns. Es ist zunächst einmal umgekehrt. Menschen wählen das Verfahren, das zu ihnen passt.  Wenn wir einen Numerus Clausus für künftige Ärzte einführen, werden sich fürs Medizinstudium solche entscheiden, denen das Erbringen bester Noten möglich und einsichtig erscheint. Das sind die Streber. Unsere Ärzte werden daher später von keinem Zweifel angekränkelte Besserwisser sein.  Wenn wir für Lehrer ausgiebige Pädagogikstudien fordern, werden das keine geistigen Überflieger sein. Falls dann noch ein Referendariat dazu gefordert wird, also eine anderthalbjährige Erniedrigungsprozedur, dann wird das was für Leute anziehen? 

Morgengrauen

Morgengrau. Am Ende des Hofes, da wo das Grün beginnt, stehen sie und rauchen. Warum sind sie hier? Keiner nennt die Schuld, die sie eint. Sie haben sich Tag für Tag die Vorwürfe angehört, die Zurechtweisungen. Sie haben genickt und geheult und weitergemacht, statt aufzustehen und fortzugehen ohne Gruß. Sie haben nachts nicht schlafen können und sind fett geworden und krank und sind doch jeden Morgen wieder eingezogen in die langen Flure, in denen sie nichts hörten als die Schreie der Kinder. Sie sind in die Räume gegangen, haben geknurrt, geschrien, geflüstert, gesäuselt, bis die Schreie aufhörten, die Köpfchen sich nach Plan senkten und die Händchen zu kritzeln begannen. Sie sind in den nächsten Raum gegangen und immer so weiter und würden das immer weiter so machen.  

Lieber nicht Schwarzfahren

Tatsächlich war mein Freund D 1981 dreimal ohne Fahrschein erwischt worden und musste vor Gericht.   Er bekam drei Tage soziale Arbeit im Krankenhaus aufgebrummt und den Hinweis, das nächste Mal würde es eine Freiheitsstrafe geben. Danach ist er nur noch zu Fuß gegangen, quer durch Westberlin, aus der Beusselstraße zum Südstern und zurück. Auch nach Lichterfelde. D spielte Gitarre und Laute und lebte von Gelegenheitsjobs, weshalb er kein Geld für die Fahrkarte hatte, die ja nur für registrierte Arme, also für Studenten, gemeldete Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger günstig war, jedoch nicht für Leute, die einfach so kein Geld hatten und daher den vollen Preis zahlen mussten, zwei oder drei Mark pro Fahrt.   Einfach so arm sein, weil einer vielleicht lieber Gitarre spielt, als Geld zu verdienen, das ist nicht so einfach.

Tod durch Schulstarre

Die Klasse, das sind dreißig Kinder, nach Sitzplan positioniert, damit mir nicht jede Stunde die Klasse um die Ohren fliegt, nach ministerialem Lehrplan und genauer Unterrichtsplanung im Zehnminutentakt belehrt. Der Lehrer ist jemand, der sich einer anderthalbjährigen Erniedrigungsprozedur namens Referendariat unterzogen hat, um das Planen zu lernen.  Die Kinder sind Menschen, von denen die Hälfte in der fünften Klasse des Gymnasiums keine lesbaren sechs Zeilen von Hand schreiben kann. Zwei Drittel können in der sechsten die vier Fälle nicht unterscheiden, obwohl das in der fünften planmäßig wiederholt und gesichert worden ist. In der achten Klasse sind mehr als 50% funktionale Analphabeten und können aus einer geschriebenen Seite keine zwei Informationen herausholen. Die müssen sie in einem Tafelbild bunt gemalt zu sehen bekommen.  Da das also offenbar nicht funktioniert, wie das so seit zweihundert Jahren im preußischen Prägungsbereich läuft, könnten wir vielleicht fragen: S...

Verschwimmende Sprachen

Bitte ich in einem deutschen Provinzgymnasium zwölfjährige, ein kurze Theaterszenen so zu schreiben, wie sie selbst sprechen würden, fange ich mir Wörter ein wie Blin und Mudak , Tamam oder Digga und Äußerungen wie Eric lefted the call,   Maddox is on oder  Ey lass Fussball.  Sollen die Kinder ein kurzes Aufsätzchen in Deutsch schreiben, kritzeln die meisten zwei oder drei unzusammenhängende Sätze unleserlich hin. Wir hätten, fällt mir dann ein, vorher noch einmal Schreiben üben und die vier Fälle wiederholen sollen oder die Präteritumformen, denn das, was ich in so einer sechsten deutschen Deutschklasse am Gymnasium machen lasse, unterscheidet sich kaum von dem, was ich dreißig Jahre lang als Deutschlehrer im Ausland gemacht habe, mit dem Unterschied vielleicht, dass die meisten italienischen Gymnasiasten mit zwölf schreiben können,  Complemento oggetto und Complemento di termine identifizieren und junge Polen sich von einem Genitiv nicht erschrecken lassen....