Tod durch Schulstarre
Die Klasse, das sind dreißig Kinder, nach Sitzplan positioniert, damit mir nicht jede Stunde die Klasse um die Ohren fliegt, nach ministerialem Lehrplan und genauer Unterrichtsplanung im Zehnminutentakt belehrt.
Der Lehrer ist jemand, der sich einer anderthalbjährigen Erniedrigungsprozedur namens Referendariat unterzogen hat, um das Planen zu lernen.
Die Kinder sind Menschen, von denen die Hälfte in der fünften Klasse des Gymnasiums keine lesbaren sechs Zeilen von Hand schreiben kann. Zwei Drittel können in der sechsten die vier Fälle nicht unterscheiden, obwohl das in der fünften planmäßig wiederholt und gesichert worden ist. In der achten Klasse sind mehr als 50% funktionale Analphabeten und können aus einer geschriebenen Seite keine zwei Informationen herausholen. Die müssen sie in einem Tafelbild bunt gemalt zu sehen bekommen.
Da das also offenbar nicht funktioniert, wie das so seit zweihundert Jahren im preußischen Prägungsbereich läuft, könnten wir vielleicht fragen:
Sind dreißig in einer Klasse nicht zu viele?
Wäre es vielleicht nützlich, weniger zu planen und mehr der Entwicklung in der Klasse zu folgen?
Könnte nicht das ministeriale Regelwerk um 90% schrumpfen? Wozu muss jemand festlegen, dass die in der achten Klasse Wolfgang Borchert lesen müssen?
Wie wäre es, wenn wir ab und zu die Zöglinge zu überraschen versuchten und sie einfach mit offenen Fragen, ganz verwirrt nach Hause gehen zu lassen?
Fragt aber niemand.
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